Podcast-Empfehlung: Leben ohne Augenlicht – Die Welt der Blindheit

Veröffentlicht am: 5. März 2026|

Wahrnehmung jenseits des Sichtbaren

In einer von Bildern dominierten Welt scheint ein Leben ohne Augenlicht für viele kaum vorstellbar. Der seit Geburt blinde deutsche Philosoph Tobias Litterst beschreibt jedoch eindrücklich, dass Wahrnehmung weit mehr ist als Sehen. In einem Gespräch mit Yves Bossart in der Sendung Sternstunde Philosophie von Schweizer Radio und Fernsehen sowie in seinem Buch Blind sein – Ein philosophischer Erfahrungsbericht schildert er eine Welt, die sich über Klänge, Berührungen und räumliche Atmosphären erschliesst.

Litterst beschreibt seine Erfahrung als spannungsreiches Verhältnis zwischen Nähe und Distanz: Während visuelle Ferne für Sehende Orientierung schafft, bleibt sie für ihn abstrakt. Gleichzeitig können Hindernisse plötzlich und unmittelbar nah werden. Seine Welt ist weniger von Übersicht geprägt, sondern von situativer Gegenwärtigkeit – von dem, was im Moment hörbar, spürbar, tastbar ist.

Diese Perspektive lädt dazu ein, das eigene Verständnis von Wahrnehmung zu hinterfragen. Was bedeutet Weltzugang, wenn das Bild fehlt? Wie verändern sich Sicherheit, Selbstständigkeit und Abhängigkeit? Und wie kann Unterstützung so gestaltet werden, dass sie Selbstwirksamkeit stärkt statt bevormundet?

Gerade im Kontext der Basalen Stimulation wird deutlich: Wahrnehmung beginnt nicht beim Sehen. Sie gründet im leiblichen Erleben, im Spüren von Schwerkraft, Berührung, Rhythmus und Resonanz. Die Auseinandersetzung mit Littersts Gedanken eröffnet daher nicht nur philosophische Einsichten, sondern auch praktische Impulse für eine achtsame Begleitung von Menschen, deren Weltzugang anders strukturiert ist.

Quellenangabe

  • Gespräch mit Tobias Litterst in: Sternstunde Philosophie, SRF, Moderation: Yves Bossart.
  • Litterst, Tobias: Blind sein – Ein philosophischer Erfahrungsbericht, XS Verlag.