„Körperausstreichung beeinflusst das Pusher-Syndrom bei Schlaganfallbetroffenen“ von Bianca Schmidt-Maciejewski

Unser langjähriges Vereinsmitglied Bianca Schmidt-Maciejewski, Fachpflegende für Intensivmedizin und Anästhesie, Advanced Practice Nurse (APN, M. Sc.), hat im Rahmen ihrer Masterthesis eine Untersuchung zur Körperausstreichung bei Schlaganfallbetroffenen mit Pusher-Syndrom durchgeführt. Für uns hat sie den Ablauf ihrer Studie sowie das Ergebnis zusammengefasst:
Was ist das Pusher-Syndrom?
Alle Personen, die mit Schlaganfallbetroffenen arbeiten, haben sicher schon einmal folgendes wahrgenommen: Einige Betroffene liegen schräg im Bett und drücken sich im Sitzen oder Stehen sowie beim Bewegen sehr stark auf ihre gelähmte Seite hinüber. Dies erschwert die Gestaltung von mobilitätsfördernden pflege-therapeutischen Angeboten und führt zu einer verstärkten Sturzneigung. Dieses Phänomen ist als so genanntes Pusher-Syndrom bekannt. Die Betroffenen erleben sich als körperlich instabil, da ihre empfundene Körpermittellinie, die subjektive posturale Vertikale, durch den Schlaganfall in Richtung der weniger betroffenen Seite verschoben wahrgenommen wird. Es resultiert das beschriebene Drücken in Richtung der gelähmten Körperhälfte, in dem Versuch, selbst die körperliche Stabilität wieder herzustellen (Karnath et al., 2000). Das Pusher-Syndrom ist somit nicht nur für alle Betroffenen sehr kraftaufwendig und belastend, sondern hat gravierende Auswirkungen für den Rehabilitationsverlauf. Die neurologische Rehabilitation verlängert sich, und im Anschluss an die Entlassung zeigen die Betroffenen eine erhöhte Abhängigkeit in den Lebensaktivitäten sowie eine erhöhte Pflegebedürftigkeit im Vergleich zu Schlaganfallbetroffenen ohne diese zusätzliche Symptomatik (Krewer et al., 2013).
Wie wird eine Körperausstreichung bei Halbseitenstörung durchgeführt?
Die von Frau Prof. Christel Bienstein entwickelte Körperausstreichung bei Halbseitenstörung (Bienstein & Fröhlich, 2016) ist darauf ausgelegt, die Körperwahrnehmung von der weniger betroffenen auf die gelähmte Körperseite bei Personen mit Hemiplegie zu übertragen. Dies konnte durch Augenschein im Arbeitsalltag in der Neurologie sowie durch Case Reports (Nydahl, 2002) bestätigt werden. Daher lag der Schluss nahe, dass die Körperausstreichung bei Halbseitenstörung ebenfalls dazu geeignet sein könnte, die verschobene subjektive posturale Vertikale bei vom Pusher-Syndrom Betroffenen zu rekalibrieren. In einer Interventionsstudie mit n=11 teilnehmenden Personen ließ sich diese Hypothese sehr eindrücklich bestätigen. Hierbei erhielten die Studienteilnehmenden zehn Tage in Folge, einmal täglich die Körperausstreichung bei Halbseitenstörung. Die Teilnehmenden waren dabei angekleidet. Die Ausstreichung wurde mit Baumwollhandschuhen durchgeführt.
Die Ausstreichung im Original betont durch leichten Druck die Körpermittellinie, um diese den Schlaganfallbetroffenen bewusst zu machen. Darauf wurde im Rahmen der Studie bewusst verzichtet, da bei den vom Pusher-Syndrom Betroffenen die Körpermittellinie deutlich verschoben wahrgenommen wird. Die Ausstreichung wurde daher fließend von der weniger betroffenen in Richtung der gelähmten Körperseite durchgeführt, in der Annahme, die Körpermittellinie würde sich dadurch in Richtung der physiologisch empfundenen Körpermitte rekalibrieren. Als Outcomeparameter wurde die Scale of Contraversive Pushing (SCP) als validiertes Assessmentinstrument zum Pusher-Syndrom sowie die Ausgleichsbewegung des Unterschenkels (Stammhirnreflex, um den Körper stabil zu halten) im Vergleich zur Rumpfmittellinie herangezogen.
Ergebnis
Es ließ sich nach dem Interventionszeitraum sowohl eine signifikante Reduktion der Symptomatik gemessen mit der SCP, als auch eine signifikante Reduktion der Ausgleichsbewegung des Unterschenkels nachweisen (Schmidt-Maciejewski, 2022).
Zehn von elf Studienteilnehmenden war es am Ende des Interventionszeitraums möglich, frei an der Bettkante zu sitzen.
Die Studie geht in die nächste Phase
Nichtdestotrotz weist das Studiendesign verschiedene Limitationen auf, die dazu führen, dass die Ergebnisse eine eingeschränkte Validität zeigen. Zum einen gab es keine Kontrollgruppe, um zu prüfen, ob der Heilungsverlauf ohne Körperausstreichung ähnliche Werte geboten hätte. Zum anderen wurde nicht überprüft, ob der gemessene Effekt stabil bliebe, auch wenn die Körperausstreichung pausiert würde. Zu guter Letzt fehlt eine qualitative Betrachtung des Betroffenenerlebens.
All diese Aspekte werden aktuell im Rahmen einer multizentrisch angelegten, randomisiert-kontrollierten Studie (Schmidt-Maciejewski et al., 2025) überprüft. Die Studie wird aktuell in sechs Kliniken in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen durchgeführt. Angestrebt wird die Untersuchung von insgesamt n=32 vom Pusher-Syndrom betroffenen Personen. Davon erhalten n=16 Personen die Körperausstreichung bei Halbseitenstörung, n=16 werden über den Interventionszeitraum hinweg lediglich an die Bettkante mobilisiert. Die Interventionsphase erstreckt sich in beiden Gruppen über acht Tage, zuzüglich einer dreitägigen Interventionspause mit einer dann stattfindenden Kontrollmessung. Zusätzlich werden Interviews mit sprachfähigen Studienteilnehmenden der Interventionsgruppe durchgeführt, um das Krankheitserleben besser nachvollziehen zu können und Einblicke in das subjektive Erleben der durchgeführten Körperausstreichung zu erhalten.
Sollten sich die Studienergebnisse aus der ersten Interventionsstudie mit der aktuellen umfangreicheren Studie bestätigen, könnte die Körperausstreichung bei Halbseitenstörung ein validiertes, evidenzbasiertes und multiprofessionell nutzbares Angebot in der Behandlung des Pusher-Syndroms nach Schlaganfall darstellen.
Wer sich intensiver in Bianca Schmidt-Maciejewskis Studie einlesen möchte, findet hier (https://www.springerpflege.de/eine-koerperausstreichung-beeinflusst-das-pusher-syndrom-bei-sch/20369332) einen detaillierten Bericht.
Quellen:
Bienstein C, Frohlich A (2016) Basale Stimulation® in der Pflege: Die Grundlagen, 8. Aufl. Hogrefe, Bern, S163–176
KarnathHO, Ferber S,Dichgans J (2000) The origin of contraversive pushing: Evidence for a second graviceptive system in humans. Neurology 55(9):1298–1304
Krewer C, Luther M, Muller F, Koenig E (2013) Time course and influence of pusher behavior on outcome in a rehabilitation setting: A prospective cohort study. TopStrokeRehabil 20(4):331–339
Nydahl P (2002) Basal stimulierende Ganzkörperwaschung bei Hemiplegie. Pflege Zeitschrift Beilage: Dokumentation Pflegepraxis 55(10): 5–8
Schmidt-Maciejewski B (2022) Eine Körperausstreichung beeinflusst das Pusher-Syndrom bei Schlaganfallbetroffenen. HBScience. https://doi.org/10.1007/s16024-022-00369-z
Schmidt-Maciejewski B, Nydahl P, Richter M T, Trigui N, Berg D (2025) Ausstreichung bei kritisch Erkrankten mit Pusher-Syndrom. Med Klin Intensivmed Notfmed. https://doi.org/10.1007/s00063-025-01354-w

