Übersetzter Text ins Deutsche aus der Rede von Prof. Bea Maes, Universität Leuven Belgien, anlässlich der Feierlichkeiten der Flämischen Vereinigung für Basale Stimulation.

Bea Maes - Professorin an der KU Leuven
Bea Maes – Professorin an der KU Leuven

 

Being, belonging and becoming

Ein Modell, das die Lebensqualität in 3 Kernkonzepten zusammenfasst: Sein, Zugehörigkeit und Werden.

Für mich sind das 3 Bezugspunkte, die sehr gut verdeutlichen, wo die Trümpfe der Basalen Stimulation in der Betreuung von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen liegen. Ich werde Sie durch diese 3 Dimensionen führen.

Sein

bezieht sich darauf, wer die Person ist. Eigentlich geht es darum, dass sich die Menschen sowohl körperlich als auch emotional wohl und sicher fühlen. Und wir alle wissen, dass Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen oft unter starken Schmerzen und Beschwerden leiden und bei ihren täglichen Aktivitäten von einer Vielzahl innerer und äußerer Reize überwältigt werden.

Für mich ist die Basale Stimulation ein so starker Ansatz, weil sie Fachleuten hilft, darüber nachzudenken, wie Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen sich selbst und ihre Umwelt erleben und wie sie mit der Flut von Reizen umgehen. Aber auch, weil es den Fachleuten hilft, Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen sowohl in der Pflege als auch bei anderen Aktivitäten so anzusprechen, dass sie sich selbst erleben können und sich wohl und sicher fühlen.

Zugehörigkeit

ist die zweite Dimension. Diese bezieht sich auf die Einbindung und Verbundenheit der Menschen mit ihrer Umwelt, und im Mittelpunkt stehen dabei natürlich die Beziehungen der Menschen zu allen Arten von Bezugspersonen: Familienangehörige, Pflegekräfte, Therapeuten und Mitbewohner.

Und wir wissen sehr wohl, dass auch für Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen die Lebensqualität sehr stark von der Qualität dieser Beziehungen bestimmt wird.

Menschen mit schwersten Mehrfachbehinderungen brauchen andere, die ihnen die Bedeutung ihres Verhaltens und ihrer kommunikativen Signale während des gesamten täglichen Zusammenlebens vermitteln können und ihnen nicht nur kontinuierliche Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Und auch hier spielt die Basale Stimulation eine sinnvolle Rolle, denn sie zielt im Wesentlichen auf diese Begegnung und diesen Dialog ab. Der Ansatz hilft den Fachkräften durch Bewegung und Körpererfahrung, den Kontakt zur Person zu suchen und sich dafür die nötige Zeit zu nehmen.

Werden

ist die dritte Dimension. Diese bezieht sich auf Entwicklung und Aktivität. Es geht darum, wie wichtig es ist, Menschen mit Mehrfachbehinderungen Möglichkeiten zu geben, neue Fähigkeiten zu erwerben oder aktiv an Aktivitäten teilzunehmen. Vor allem Eigeninitiative, Mitspracherecht und eigene Entscheidungen sind für die Lebensqualität von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen sehr wichtig. Und auch hier zeigt die Basale Stimulation, wie Fachleute einer Person mit einer schweren Mehrfachbehinderung durch Bewegungen und diese sensorischen Erfahrungen helfen können, sich ihrer Umwelt zu öffnen, an Aktivitäten teilzunehmen und vor allem ihren eigenen Beitrag dazu zu leisten.

Für mich ist die Basale Stimulation also ein Ansatz, der über diese Dimensionen des Seins, der Zugehörigkeit und des Werdens zur Lebensqualität von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen beitragen kann.

Und es dürfte klar sein, dass in diesen 3 Kernkonzepten die “Abstimmung” immer der rote Faden ist. Die Abstimmung, bei der die Betreuer die Person auf der Grundlage des täglichen Zusammenseins und gemeinsamen Handelns kennen lernen.

Wie zeigt jemand, dass er glücklich ist, dass er sich gut fühlt, dass er ängstlich oder unruhig ist? Indem sie die Signale der Person mit EMB durch und durch kennenlernen, können die Pflegenden auch ihre Handlungen, ihre Bewegungen, ihre Art zu sein auf diese Person abstimmen und wissen, was sie braucht. Und diese Sensibilität, das Gespür für die Signale der Menschen und die Fähigkeit, sich darauf einzustellen, ist zweifellos eine der Kerndimensionen der Qualität der Beratung von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen. Das haben wir auch in der Forschung schon mehrfach nachweisen können.

Die vielen praktischen Erfahrungen, die Sie gemacht haben und die auch im Grundlagenbuch dargestellt sind, zeigen, dass die Basale Stimulation wirksam zur Qualität der Pflege und zur Lebensqualität von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen beitragen kann.

Als Wissenschaftlerin empfinde ich es auch als positive Herausforderung, den Mehrwert der Basalen Stimulation in der Forschung nachweisen und belegen zu können, und das soll eine weitere Einladung an den Verband sein, in Zukunft gemeinsam daran zu arbeiten.

Wir haben in den letzten Jahren viel Expertise aufgebaut, wie wir die Beziehung von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen und ihren Interaktionspartnern, die subtile Kommunikation von Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen, aber auch die Haltung des Interaktionspartners durch Forschung sehr gut sichtbar machen können und damit auch die Auswirkungen des basalen Ansatzes, der basalen Haltung auf das Verhalten von Beratern, aber auch auf das Erleben von Klienten sehr gut sichtbar machen können.

Eine solche Forschung kann meines Erachtens zur weiteren Verbreitung und Optimierung der Basalen Stimulation in der Praxis beitragen.

 

Prof. Bea Maes, 17.11.2021