„Ich habe dich gesehen“ – Wirksamkeit durch Beziehung und Beteiligung im Endstadium Demenz von Tina Fossia Mayer

Veröffentlicht am: 20. Oktober 2026|

Beziehung – Beteiligung – individuelle Unterstützung als Grundlage für Entwicklung

Ich hatte gerade meine Freiberuflichkeit als Krankenschwester gegründet. Es war kurz nach der Coronakrise. Eines Tages rief ein alter Mann aus dem Nachbardorf bei mir an. Er habe Probleme mit dem Transfer seiner Ehefrau. Ob ich ihm dabei helfen könne.

Als ich zu ihnen kam, sah ich eine alte Frau im Bett liegen. Sie lag in Embryonalstellung auf der Seite und registrierte mich kaum. Ich kniete mich neben sie, berührte sie und sprach sie mit ihrem Namen an. Sie öffnete die Augen und sah mir ins Gesicht. Sie sprach nicht.

Ich bat den Ehemann und die polnische Hilfskraft, die im Haus lebte und die Pflege der Frau übernahm, mir zu zeigen, wie sie den Transfer bisher machten.

Sie drehten die Frau zu zweit auf den Rücken, packten sie rechts und links unter den Armen und zogen sie auf die Bettkante. Die Füße der Frau erreichten den Boden nicht. Man konnte sehen, wie stark sie sich körperlich anspannte. Sie holten den Toilettenstuhl, stellten ihn seitlich an das Bett und holten zwei FFP2-Masken, die sie ihr anzogen – zum Schutz, damit sie nicht beißen konnte.

Anschließend umarmte die polnische Hilfskraft die Frau von vorne, hob sie hoch und wuchtete sie auf den Toilettenstuhl. Der Ehemann hielt dabei ihre Arme fest, damit sie nicht kneifen und zwicken konnte, was sie in dieser Situation häufig tat.

Es war einer meiner ersten Aufträge als freiberufliche Krankenschwester.

Lasst mich bitte machen

Ich bat die Familie, die morgendliche Versorgung für die nächsten vier Wochen komplett übernehmen zu dürfen. Sie willigten ein.

Am nächsten Morgen fing ich an. Bevor ich das Zimmer betrat, klopfte ich an die Tür und kündigte mich verbal an. Ich ging an die Rückseite des Bettes und kniete mich auf den Boden, sodass ich auf Augenhöhe mit der Frau war. Ich sprach sie an wie am Vortag. Ihre Augen öffneten sich und sie sah mich an.

Erst dann berührte ich sie sanft an der Schulter und sprach mit ihr. Über ganz belanglose Dinge. Von mir, vom Wetter und davon, wie schön ich ihr Haus fand. Ich wollte, dass sie mich hören konnte und mich kennenlernen durfte. Sie lag noch unter der Decke und ganz langsam begann ich, meine Hand über der Decke über ihren Arm und ihren Rücken wandern zu lassen. Ich achtete darauf, dass ihre Augen offen blieben, sprach weiter mit ihr und wanderte mit meinen Händen über ihre Beine bis zu ihren Füßen. Dann wickelte ich die Decke noch einmal kräftig um sie herum und verließ das Zimmer, um eine Schüssel mit frischem Wasser zu holen.

Als ich wieder ins Zimmer kam, hatte sie die Augen geschlossen. Ich kniete mich wieder auf den Boden und stellte die Waschschüssel so auf das Bett, dass sie sie sehen konnte. Ich nahm den Waschlappen aus der Schüssel und ließ das Wasser langsam in die Schüssel tropfen, indem ich den Lappen etwas auswrang.

Da öffnete sie wieder die Augen.

Ich sagte ihr, dass ich ihr gerne helfen würde, die Hände etwas zu waschen. Ich rollte die Bettdecke langsam über ihren Körper ab, sodass die Hände frei waren, sie aber weiterhin bedeckt blieb. Langsam begann ich, ihre Hände zu waschen, erst von außen und dann systematisch die Finger. Sie schaute mir aufmerksam zu. Als ich die Arme waschen wollte, merkte ich, wie sie sich anspannte und die Arme an sich drückte. Ich nahm den Waschlappen weg, rollte die Decke wieder zurück, berührte sie sanft an der Schulter und verließ für zwei Minuten den Raum.

Für mich war das eine Antwort.

Also antwortete ich darauf.

Auf diese Weise arbeitete ich vier Wochen intensiv mit ihr. Ich beobachtete genau und versuchte zu verstehen, wie sie diese Situationen mit mir erleben mochte. Ich versuchte, so gut es mir möglich war, mit ihr in Kontakt zu sein und sie an allem, was wir taten, zu beteiligen.

In den ersten Tagen sprachen wir eigentlich rein körperlich miteinander. Über Berührung, Bewegung, Blickkontakt, Körperspannung. Ich musste lernen, ihre kleinen Reaktionen wahrzunehmen und ihnen Bedeutung zu geben. Und nach und nach kamen die Worte.

Am dritten Tag sagte ich morgens zu ihr: „Guten Morgen.“ Sie schlug die Augen auf und antwortete: „Guten Morgen.“ Mir schossen die Tränen in die Augen.

Es verändert sich etwas

Sie begann, sich an den Handlungen zu beteiligen, die ich ihr anbot. Zuerst bewegte sie die Finger im Waschlappen. Später bewegte sie die Hände im Waschbecken. Irgendwann führte sie ganz allein die Haarbürste zu ihrem Kopf.

Ich kam nie mit einem fertigen Plan im Kopf zu ihr. Ich wusste nicht, was an diesem Tag möglich sein würde. Ich fand es im Kontakt mit ihr heraus. Ich bot etwas an, wartete, beobachtete ihre Reaktion und passte mein Handeln daran an. Aus kleinen Antworten wurden Möglichkeiten.

Nach und nach begann die Frau, sich immer aktiver zu beteiligen. Sie bewegte ihre Hände, ihre Arme und ihre Beine. Bei Bewegungsübergängen konnte sie zunehmend selbst mithelfen. Aus einer Frau, die beim Transfer gehalten, gezogen und gehoben werden musste, wurde eine Frau, die ihre eigenen Bewegungsmöglichkeiten wieder einsetzen konnte. Und dann kam etwas zurück, das ich zu Beginn kaum für möglich gehalten hätte: Sie begann wieder zu sprechen.

Nach ungefähr drei Monaten kommunizierte sie wieder verbal. Sie antwortete, sie erzählte, sie drückte sich sprachlich aus. Sie begann wieder selbstständig zu essen und zu trinken. Und irgendwann bestand unser Alltag nicht mehr nur aus Pflege. Wir kochten gemeinsam. Wir machten Ausflüge. Wir waren unterwegs. Ich habe viele Fotos aus dieser Zeit.

Fotos von einer Frau, die nicht mehr nur im Bett lag. Fotos von einer Frau, die wieder etwas tat, sich bewegte, kommunizierte und am Leben teilnahm. Und irgendwann fuhr die Familie wieder gemeinsam mit ihr in den Urlaub.

Prozess statt einzelner Methoden

Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, kann ich nicht sagen, dass es einen einzelnen Moment oder eine einzelne Methode gab, die all das verändert hat. Es war ein langer Prozess. Ein Prozess aus Wahrnehmen, Ausprobieren, Warten, Antworten, Verändern und immer wieder neuem Ausprobieren.

Für mich waren dabei drei Dinge entscheidend: Beziehung, Beteiligung und individuelle Unterstützung.

Ich musste die Frau kennenlernen und sie musste mich kennenlernen. Ich musste herausfinden, was ihr Sicherheit gab, was sie interessierte, wann sie Kontakt aufnahm und wann sie sich zurückzog.

Ihre kleinsten Reaktionen wurden zu Antworten, die mein Handeln beeinflussten.

Und ich musste mich immer wieder auf sie einstellen. Ich hatte keinen fertigen Plan, den sie erfüllen musste. Ich orientierte mich an dem, was sie mir zeigte, und suchte mit ihr gemeinsam nach dem nächsten möglichen Schritt.

Vielleicht ist das für mich eine der wichtigsten Erfahrungen aus dieser Zeit:

Basale Stimulation® beginnt für mich nicht mit einer Technik. Sie beginnt mit der Begegnung.

Mit der Frage:

Wer ist der Mensch, der vor mir liegt – und was versucht er mir gerade zu sagen?

Manchmal beginnt Veränderung ganz klein. Mit einem Blick. Mit einer Bewegung. Mit einer Hand, die sich anspannt. Mit einem „Guten Morgen“.

Und manchmal beginnt sie damit, dass jemand innehält und bereit ist, die Antwort des anderen wahrzunehmen.

„Ich habe dich gesehen.“

Text und Fotos: Tina Fossia Mayer